Der entschlossene Zauderer

Mrz 6th, 2009 | By KI-Redakteur Alex | Category: Titelstory

Am 22. Januar dieses Jahres ist er 65 geworden. Am 27. Dezember  wird er 40 Jahre Priester sein. Am 14. September jährt sich zum 15. Mal seine Ernennung zum Erzbischof von Wien.
Ein Schönborn-Jubiläumsjahr also. Zeit für ein Porträt über einen Mann, den manche sogar als den nächsten Papst sehen wollen. Von Franz Josef Weißenböck

Man muss einen weiten Weg gehen, wenn man zu Herrn Schönborn gelangen will. Vor Schönborn stehen Christoph, Maria, Michael, Hugo, Damian, Peter und Adalbert – eine längliche Reihe von Vornamen ist charakteristisch für alten Adel. Nun – Adel ist weder persönliches Verdienst noch Makel, und die wenigsten Menschen suchen ihre Vornamen aus. Zwischen Christoph und Schönborn steht vor allem, und das verlängert den Weg nicht unwesentlich: Kardinal. Kardinäle sind nach dem Papst die höchsten Würdenträger der Kirche, weiß das Lexikon für Theologie und Kirche, sie sind der „Senat” des Papstes, den sie wählen und in der Leitung der Kirche unterstützen. In diesem „Senat” hat eine Einrichtung der römischen Republik bis in unsere Tage überlebt, selbst die rote Farbe erinnert daran – auch wenn sie in die Bereitschaft umgedeutet wurde, für den Glauben Blut und  Leben zu geben. Die Bezeichnung „Prinz der Kirche” für einen Kardinal ist hingegen nicht mehr gebräuchlich.

Doch wer weiß, im großen katholischen Retourschwung kann das ebenso zurückkehren wie die tridentinische Messe, das Ablasswesen und die Fürbitte um Bekehrung der Juden am Karfreitag unter dem gegenwärtigen Papst bereits zurückgekehrt sind.
Kardinal also. Seit 21. Februar 1998 gehört Christoph Schönborn dem Senat des Papstes an. (Weil der Name notwendiger Weise noch häufig zu nennen sein wird, erlaube ich mir, ihn gelegentlich mit CS abzukürzen.) Da war er bereits seit dem 14. September 1995 Erzbischof von Wien. Er wurde es unter höchst dramatischen Umständen: Sein Vorgänger, Hans Hermann Groer, war nicht nur in der Erzdiözese Wien als untragbar empfunden worden, sondern auch auf dem vatikanischen Hügel in Rom. Ziemlich genau vier Jahre früher, am 29. September 1991, war CS im Stephansdom zum Bischof geweiht worden, als „Nachrücker” für Kurt Krenn, der kurz davor sein Amt als Diözesanbischof von St. Pölten angetreten hatte. Mit diesen beiden Namen, Groer und Krenn, sind die beiden härtesten Bewährungsproben verbunden, die CS zu bestehen hatte. Er hat sie beide, wie auch die dritte, die mit dem Linzer Fast-Weihbischof Gerhard Maria Wagner verbunden ist, unter dem scharfen Druck der Ereignisse auf für viele überraschende Weise bestanden. Es zeigte sich in diesen schweren Krisen der katholischen Kirche in Österreich, dass sich hinter dem verbindlichen Lächeln Schönborns auch Härte und Konsequenz verbergen, die man an dieser Stelle kaum vermutet hat. “Gottes Krisenmanager” nannte ihn die APA in einem Artikel zu seinem 65. Geburtstag.

Eine öffentliche Figur

Christoph Schönborn ist eine öffentliche Figur. Den meisten Menschen ist die Person hinter der Figur unbekannt. Was sie haben, ist ein Bild, eine Vorstellung, eine Imagination. CS ist eine Marke, ein „Image”, eine Konstruktion aus öffentlichen Wahrnehmungen. 65 Lebensjahre, 15 davon als Erzbischof von Wien – das war Ende Jänner dieses Jahres ein doppelter Anlass für eine angemessene Feier und eine Serie von Nachrufen zu Lebzeiten und für die Auflistung äußerlicher Daten & Taten des Jubilars.

Am 22. Jänner 1945 in Skalken bei Leitmeritz geboren, mitten hinein in die Steigerung des Mordens und Sterbens vor deren Ende. Flucht der Familie, CS verbringt seine Kindheit in Schruns (Vorarlberg). Ob es eine glückliche Kindheit war? Wie sehr litt CS unter der Scheidung seiner Eltern und unter der Abwesenheit des Vaters? „Ich komme aus einer geschiedenen Familie”, sagte er bei seiner in vielen Punkten schwer zugänglichen Predigt am 27. März 2008 im so genannten Abendmahlsaal in Jerusalem, auf die noch zurückzukommen sein wird. „Meine Eltern waren geschieden, mein Großvater war geschieden, meine zwei Brüder sind geschieden.” Wirken sich diese Erfahrungen traumatisierend aus? Erzeugen sie Einstellungen, Sehnsüchte, Überzeugungen, und sind diese der eigenen Reflexion zugänglich? Gingen sie ein in Entscheidungen über den eigenen Weg, bestimmen sie Meinungen, Überzeugungen und Handlungen des Wiener Erzbischofs?

1963 trat CS in den Dominikanerorden ein, im westfälischen Warburg, studierte Philosophie und Theologie in Bornheim-Walberberg, in Wien, in Paris. Es waren die Jahre eines stürmischen Aufbruchs. In der Kirche das Konzil, in der Welt die 68er-Bewegung. Was als unverrückbar gegolten hatte, geriet ins Wanken. Es gibt ein Foto von CS, das ihn mit schwarzem Rauschebart zeigt. Es fällt schwer, sich CS als Revoluzzer vorzustellen, wie dieses Foto zu flüstern scheint. Der Bart war offenbar ab, als CS am 27. Dezember 1970 im Dom zu St. Stephan „ich bin bereit” sagte und von Kardinal Franz König zum Priester gesalbt wurde.
Weitere Studien folgten; 1974 wurde CS im Institut Catholique in Paris mit einer Arbeit zum Thema „L’Icone du Christ. Fondements théologiques” zum Doktor der Theologie promoviert. In diese Jahre – 1972/73 – fallen auch seine Studien bei Joseph Ratzinger in Regensburg. Der war vor den alles in Frage stellenden 68er Studenten aus Tübingen nach Regensburg geflüchtet. Der vorwärtsdenkende Konzilstheologe hatte da bereits seine Wende begonnen, Angst vor „Relativismus” und Skepsis gegenüber dem Aufbruch des Konzils begannen sich unüberhörbar durchzusetzen. CS war ein eifriger Schüler und ist ein treuer Jünger bis auf den heutigen Tag geblieben.
Man darf zwar vermuten, dass CS manches missfällt, was über den päpstlichen Schreibtisch geht, aber diese Mutmaßung ist nur durch schwache Indizien gestützt. So wurde der Brief des Papstes an die Priester zum Jahr der Priester in der Erzdiözese Wien (und in den anderen österreichischen Diözesen) nicht so breit kommuniziert, auch nicht unter den Priestern, wie dies sonst bei päpstlichen Äußerungen zu geschehen pflegt. Bezüglich des päpstlichen Motu Proprio „Omnes in mentem”, mit dem der Diakonat durch eine Novelle zum Kirchenrecht aus dem dreistufigen Ordo herausgenommen wird, scheint in der Rotenturmstraße überhaupt Ratlosigkeit zu herrschen. Benedikt XVI. hat sich dabei offenbar einmal mehr nicht der Unterstützung seines Senats bei der Leitung der Kirche bedient. Im Fall des von Rom designierten Linzer Weihbischofs Gerhard Maria Wagner dürfte CS sich gar des Revoluzzer-Barts seiner Jugend erinnert haben – wenn auch mit an- und abschließender Entschuldigung beim „Heiligen Vater”, wie CS den Papst im Einklang mit vielen, aber im Widerspruch zur Bibel (Mt 23,9) nennt.

Professor, Theologe, KKKK

Ab 1975 lehrte CS an der Universität Fribourg. Eine einzige Stimme soll damals den Ausschlag für seine Berufung gegeben haben. Es war, wie hierzulande weniger bekannt ist, keineswegs eine „gmahte Wiesn” für den jungen Professor. Zur Skepsis einiger seiner Professoren-Kollegen kam ein Vorlesungsboykott von Studenten, die als „Parallelveranstaltung” selbst ein Seminar organisierten, weil sie mit der rückwärtsgewandten Theologie ihres Professors wenig anzufangen wussten. Dicitur, traditur, fertur: Die Fama weiß, dass CS von den Protesten so genervt war, dass er alles hinschmeißen wollte. Immerhin: Zu Semesterende ließ er eine eigene Vorlesung ausfallen, um mit den Protestierenden über die Ergebnisse ihres Protest-Seminars zu diskutieren.

CS blieb sich treu, bis heute. Den Vorwurf seiner HörerInnen in Fribourg, er benütze die Bibel wie einen Steinbruch zur Untermauerung kirchlicher Lehrsätze, ohne an die Ergebnisse historisch-kritischer Forschung auch nur anzustreifen, kann man auch dem Autor der Auslegung des Sonntagsevangeliums in der „Kronenzeitung” machen. An dieser Stelle wird auch eine geradezu bestürzende politische Insensibilität sichtbar, für die im frommen Weihrauchnebel die spalterischen bis aufhetzenden Tendenzen im „Zentralorgan der österreichischen Seele” ebenso unbemerkt und unkommentiert bleiben wie die bunten Kontaktanzeigen. Sie offenbaren aber auch ein Kirchenverständnis, das eher an der jüngeren Tradition (des 19. Jahrhunderts) als an der Bibel orientiert ist und ein Verständnis von “Mission”, das mit dem Gewicht kaum zusammengeht, das ihr CS in seiner Programmatik verleiht.

1980 wurde CS in die Internationale Theologenkommission des Heiligen Stuhls berufen. 1987 berief Joseph Ratzinger, inzwischen Präfekt der Glaubenskongregation, seinen Schüler zum Redaktionssekretär des neuen Katechismus: KKKK, Koordinator des Katechismus der Katholischen Kirche. Dies war in der Tat, wie gemutmaßt wurde, die „Startrampe” für eine weitere Karriere. 1991 Weihbischof in Wien, im April 1995 – als Vorbereitung zur Bereinigung der Groer-Affäre – Erzbischof-Koadjutor und damit designiert für die Nachfolge, die er im September jenes Jahres dann tatsächlich antreten sollte.

Ein entschlossener Zauderer

Kurt Tucholsky hat die Phrase, dass wir in einer „Übergangszeit” leben, als inhaltsleeren Unsinn entlarvt, weil jede Zeit einen Übergang darstelle. Ob Übergangszeit oder nicht: Jeder Mann auf dem Wiener erzbischöflichen Stuhl hatte in seiner Zeit Krisen zu bewältigen. Theodor Innitzer, 1929/30 Sozialminister im Kabinett Schober, hatte an diesem Erbe und an der Aufforderung der Bischöfe, für den „Anschluss” zu stimmen („Heil Hitler”), schwer genug zu tragen. Franz König löste die Kirche aus ihrer unseligen Bindung an die Christlichsozialen; seine Mühe um eine Aussöhnung mit der Sozialdemokratie machte ihn in den Augen mancher Gegner zur „roten Eminenz”. Die Kirche von Wien führte er in den Aufbruch des Konzils, den er selbst mit verursacht und getragen hatte, nicht zuletzt durch die Wahl Karl Rahners zu seinem Berater. Hans Hermann Groer leistete einen wichtigen – wenn auch unfreiwilligen – Beitrag zur Mündigkeit katholischer Christen. So fand und findet jeder „seine” Situation in Welt und Kirche vor, die ihm mehr oder weniger Spielraum eigener Gestaltung lässt.

Der gestaltende Einfluss Schönborns auf Kirche und Welt lässt sich naturgemäß noch nicht endgültig abschätzen. Aber nach 15 Jahren sind Konturen sichtbar. Es sind widersprüchliche Umrisse eines „entschlossenen Zauderers”. Einen wichtigen Startnachteil hatte CS in der Leitung seines Bistums, der von Anfang an spürbar war: Er war nie in der pfarrlichen Seelsorge tätig. Manche seiner Entscheidungen und Äußerungen wurden von Anfang an diesem Manko zugerechnet. Daran ändert auch eine offizielle Betonung der Bedeutung der Pfarrgemeinden wenig. Sie scheinen ihm eher als Verwaltungseinheiten von Bedeutung denn als theologische Ur- und Grundform von Kirche. “Gemeinde”, die missionarisch auf ihre Umgebung wirkt, scheint der von der Spiritualität seines “Ordo Fratrum Praedicatorum” geprägte Wiener Ordinarius eher in den charismatischen Bewegungen entdeckt zu haben. Dort findet sich auch eher bedingungs- bis bedenkenlose Gefolgschaft als bei den “gewöhnlichen” Christen in den Pfarren, deren Atemrhythmus jenem der “Welt” folgt.

Hand in Hand damit geht eine deutliche Unzufriedenheit mit der Ausbildung des geistlichen Nachwuchses. “Mit Demut, mit Ehrlichkeit muss ich sagen”, und CS sagte es in jener Predigt in Jerusalem am 27. März 2008, “dass trotz all der Anstrengungen im diözesanen Seminar wir es nicht schaffen, menschlich gesehen unsere Seminaristen zu formen, zu bilden, wie sie in den Gemeinschaften des Weges geformt werden.” Der neokatechumenale Weg ist der Weg, der größtenteils an den Pfarren vorbei führt, der Weg der Priesterbildung, der am diözesanen Priesterseminar wie an der Theologischen Fakultät vorbei geht. CS scheint die Vorteile, nicht aber die Gefahren zu sehen, die damit verbunden sind. Im Konkordat ist normiert, dass “die wissenschaftliche Heranbildung des Klerus” … “an den vom Staate erhaltenen katholisch-theologischen Fakultäten oder an den von den zuständigen kirchlichen Stellen errichteten theologischen Lehranstalten” erfolgt. Wird der “Klerus” zunehmend und eines Tages überwiegend oder hauptsächlich von Einrichtungen wie “Redemptoris Mater”, dem internationalen Priesterseminar in Sparbach, dessen Seminaristen in der Päpstlichen Hochschule in Heiligenkreuz studieren, übernommen, wird sich eines Tages der Staat – unter Hinweis auf die Situation und in Anwendung des Konkordats – seiner Verpflichtung entledigen. Der Schaden wäre unabsehbar. Die Presbyter wären damit von vornherein dem universitären Diskurs entzogen, die Kirche zöge sich aus dem Zeitgespräch zurück. Aus einer Einrichtung mit öffentlich-rechtlicher Stellung würde ein Verein unter Vereinen. Ob das gewollt ist, ob CS das wollen kann? Das Wort von der “kleinen Herde” kann zu ideologischer Engführung missbraucht werden: “Fürchte dich nicht” vor dem Sturm der Kritik und vor dem Wind des Widerspruchs, vor der Auseinandersetzung auf dem Areopag der Meinungen, denn du kleine Herde bist vor all dem geschützt, weil du all dem entzogen bist.

Die Lage ist hier insgesamt unübersichtlich. Denn neben dem Seminar in Sparbach gibt es einen Ableger der Franziskaneruniversität in Steubenville (Ohio) im niederösterreichischen Trumau (ITI), deren Großkanzler CS ist. Der Leiter dort hat auch ein Amt in der Erzdiözese Wien, wo er als offizieller Exorzist, also Teufelsaustreiber, fungiert. Der durchschnittliche Zeitgenosse wundert sich, dass der Kardinal mit derlei Obskurantismen zu tun haben soll. Informationen über diese Einrichtungen sind im übrigen nicht leicht zu bekommen, auf Homepages findet man sich bald in einer Endlos-Schleife, deren Gravitationszentrum der neokatechnumenale Weg zu sein scheint – unter vielfältiger Förderung durch den Wiener Erzbischof.

Worte aus dem Herzen

Man muss auch die glatten Predigten des Kardinals sehr genau lesen, wenn man seinen ideologischen Vorentscheidungen auf die Spur kommen möchte. Dann allerdings findet man gelegentlich Erstaunliches. Es überrascht nicht sonderlich, dass CS in wärmsten Worten die Seligsprechung des unglücklichen letzten österreichischen Kaisers feiert. Aber fassungslos vernimmt man in der gleichen Predigt, dass “die Völker und ihre Herrscher” den Wahnsinn des Ersten Weltkriegs losgetreten hätten. Werden da nicht schlicht Millionen von Opfern zu Tätern gemacht? Dass dies kein Lapsus Linguae war, wird sofort klar, denn der Erzbischof findet die Bitte um Sühne für “diesen Wahnsinn” nur noch für “die Völker” nötig. Kein Wort hingegen vom Giftgas-Angriff, den der Selige befohlen hat. So kann man tatsächlich sogar zur Ansicht gelangen, für Karls Seligsprechung hätten auch Gründe der “Opportunität” gesprochen. Diese werden sich ohne Zweifel gegebenenfalls auch für die Seligsprechung des letzten Pius-Papstes finden. So wird es sogar möglich, im Reich der Habsburger – nein, nicht gerade die Verwirklichung des Reiches Gottes zu erkennen, aber doch eine größere Nähe zu demselben als “in vielen anderen politischen Realitäten der europäischen und der Weltgeschichte”. In dieser Perspektive des Kardinals kann man vom seligen Kaiser Karl Kraft und Hilfe ausgehen sehen, “damit dieses Europa nicht den Weg des totalitären Relativismus” geht. Die Contradictio in Adiecto fällt da kaum mehr auf. CS zeigt sich hier als wahrer Österreicher, der mit großer Zuversicht in die Vergangenheit blickt.

Manchmal allerdings spricht CS Klartext. Dann sagt er Sachen, die er im Herzen trägt. So war es bei der Predigt, die er am 27. März 2008 im Abendmahlsaal in Jerusalem hielt, bei der Gemeinschaftstagung “Domus Galilaeae”. Darf man diese Predigt als Schlüsseltext zum Verständnis des Wiener Kardinals lesen? Diese Annahme liegt durchaus nahe: “Ich denke, es ist ein Wort des Heiligen Geistes, das ich sagen muss”, sagte CS einleitend. Und dann zeiht er die österreichischen und deutschen, ja sogar “die europäischen” Bischöfe der “Sünde”, weil sie 1968 nicht den Mut zu einem klaren Bekenntnis zur Enzyklika “Humanae Vitae” aufgebracht hätten. Kein Wort allerdings davon, dass sowohl in der “Maria Troster Erklärung” der österreichischen Bischofskonferenz wie in der “Königsteiner Erklärung” des deutschen Episkopats auf die Notwendigkeit der Gewissensentscheidung in Fragen der Empfängnisregelung hingewiesen wurde. Dafür stellt der Kardinal einen Zusammenhang zwischen den beiden Erklärungen und der “dann” gekommenen Welle der Abtreibung her. Dazu passt das damit verbundene familialistische Familienbild, das die Frau de facto – nicht de verbo – auf die Funktion einer Gebärmaschine reduziert. Dass der Frau so die Entscheidungsfreiheit und damit die Persönlichkeit geraubt wird, fällt CS wahrscheinlich gar nicht auf, und auch nicht, dass diese extreme wenn nicht extremistische “Pro-Life”-Einstellung längst zur Ideologie des Biologismus herabgesunken ist. Sollte es tatsächlich das sein, was der Wiener Erzbischof “im Herzen trägt” und für “ein Wort des Heiligen Geistes” hält?

Internationales Aufsehen erregte CS 2005, wenige Monate nach der Wahl von Joseph Ratzinger zum Papst. Unter dem Titel “Finding Design in Nature” (In der Natur Design/einen Plan entdecken) bemühte er sich, einer Überinterpretation der Anerkennung der Evolutionstheorie durch Papst Johannes Paul II. im Jahr 1996 vorzubeugen. Evolution sei “mehr als eine bloße Hypothese”, hatte der Papst erklärt – und sich dabei offenbar nicht an den “autoritativen Katechismus” (”autoritativ” wird in der vorläufigen, bis heute beibehaltenen Übersetzung mit “zuverlässig” eingedeutscht) gehalten. Der stellt fest, dass die Welt nicht Ergebnis von Notwendigkeit und Schicksal oder Zufall sei. Dass CS damit zu einem prominenten Vertreter des “Intelligent Design” und verkappten Kreationisten avancierte, überrascht angesichts des geographischen Orts der Veröffentlichung – die USA sind das Kern- und Mutterland der Kreationisten - nur Naive.

Nach Tisch las man es allerdings ganz anders – ein Zeichen der Lernfähigkeit des Kardinals? In einem Vortrag an der Akademie der Wissenschaften im März 2009 schloss er nicht aus, dass der Schöpfer auch durch eine “evolutive Welt” spreche – und gar “durch eine Evolution, die doch vor allem als zufallsbestimmt verstanden wird”. Und der Wiener Erzbischof ortete einen “Fehler”  der Intelligent Design-Schule, nämlich die Annahme, Design, Plan und Zielgerichtetheit könnten auf der Ebene der Kausalität gefunden werden. Zu Unrecht werde er, Schönborn, immer noch mit dieser Lehre in Verbindung gebracht, klagte der Kardinal. War alles nur ein Miss-verständnis?

Das Bild ist widersprüchlich, das öffentliche Image unklar, das der Kardinal von Wien bietet. Mehr dazu im April-Heft von KIRCHE IN.

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