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Im Sprung ungehemmt

 

Zum 90. Geburtstag von Helmut Krätzl

 

Franz Josef Weißenböck

 

Nein, das wird jetzt keine der üblichen und gewohnten Lobreden aus Anlass eines runden Geburtstags. Weder bin ich dazu imstande noch möchte ich es. Es geht mir vielmehr darum, einen – ja, ich darf es wohl sagen! – Freund zu würdigen, der für mein Leben und für meinen Glauben wichtig ist. Er ist einer, zusammen mit einigen (wenigen) anderen kirchlichen Amtsträgern in unserer Kirche, der mich die Hoffnung nicht aufgeben lässt. Dafür bin ich dankbar, dafür sage ich Dank.

Über Jahre habe ich für KIRCHE IN Beiträge geschrieben, in denen ich die Entwicklung in unserer Kirche kritisch kommentiert habe. Mein Verleger Walter Weiss konnte meiner Idee, einige dieser Aufsätze in einem Buch zu versammeln, etwas abgewinnen. Er hatte nach der ersten Lektüre auch einen Titel-Vorschlag: „Handbuch der Kirchenspaltung“ sollte das Buch heißen. Freche Texte mit einem frechen Titel. Da könnte doch ein bischöfliches Vorwort hilfreich sein, war mein Gedanke. Aber Florian Kuntner, der wie ich aus Kirchberg am Wechsel stammte und mit dem ich bestens bekannt war, war längst tot. Er war 1977 zum Weihbischof von Wien ernannt worden, zusammen mit Helmut Krätzl. Ob Krätzl mir ein Vorwort für das „Handbuch der Kirchenspaltung“ schreiben würde? Ich hatte Zweifel, aber wie das mit dem Zweifel ist – ich wollte es wissen. Also fragte ich an. Zu meiner großen Freude sagte Helmut Krätzl zu. Dazu ist zu sagen, dass wir uns schon längere Zeit gekannt hatten, aber eher aus einer gewissen Distanz. Mit diesem Vorwort hat etwas angefangen, das ich als Freundschaft bezeichne. Freundschaft bedeutet ja nicht, dass man immer und in allen Fragen einer Meinung ist. Freundschaft zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie unterschiedliche Standpunkte erträgt. In Klammer sei hinzugefügt: So groß sind die Unterschiede auch wieder nicht.

 

 

Ein Mann ohne Amtsdünkel und ohne Amtsallüren

 

Unvergessen die Situation, in der wir zu Du-Freunden geworden sind. In unserem Dekanat Kirchberg am Wechsel war bischöfliche Visitation, Helmut Krätzl war der Visitator. Ich war als stellvertretender Vorsitzender des Pfarrgemeinderats involviert, zusätzlich war Krätzl als Firmspender da. In der Vorbesprechung zum Firmgottesdienst war die Frage zu klären, in welcher „Aufmachung“ der Bischof auftreten sollte. Einige meinten, „die Leute“ würden wohl schon erwarten, dass er mit allen bischöflichen Insignien kommen solle, mit Mitra und Hirtenstab. Aber Krätzl kam ohne diese Zeichen der bischöflichen Würde. Ich vermute und hoffe, dass die Firmung dennoch „gültig“ gespendet wurde. So habe ich ihn erlebt, so kenne ich ihn: ein Mann ohne Amtsdünkel und Amtsallüren. Beim Auszug aus der Kirche ging ich neben Krätzl. Er schaute mich an und sagte, mit einem verschmitzten und freundlichen Lächeln: „Wir könnten doch eigentlich per Du sein“.

Das war’s, und es folgten viele Begegnungen und Gespräche, zuerst im Dom-Cafe mit Blick auf St. Stephan, dann, wegen der zunehmenden Gehbehinderung des Bischofs, beim „Heiner“ in der Wollzeile. Eine Tasse Kaffee und zum Abschluss ein Glas Rotwein, und die ganze Zeit Gespräche buchstäblich „über Gott und die Welt“. Manchmal denke ich, dass mich dieses Gespräch mit Weihbischof Krätzl in der Kirche gehalten hat; dafür bin ich ihm dankbar.

Im Leben jedes Menschen gibt es Weggabelungen, die oft erst in der Rückschau als solche erkennbar werden. Bei Helmut Krätzl war es die Berufung zum Zeremoniär von Kardinal Franz König. Ab dem Jahr 1956 war das Leben dieser beiden Männer eng verbunden. Um ein Haar wären sie auch im Tod verbunden gewesen. Auf der Fahrt zum Begräbnis von Kardinal Alojzije Stepinac in Zagreb überlebten König und Krätzl nur knapp, der Fahrer starb bei dem Autounfall am 13. Februar 1960. Wegen der Gehbehinderung Krätzls, die seine Arbeit als Zeremoniär beeinträchtigte, ging Krätzl zum Studium des kanonischen Rechts nach Rom – eine folgenreiche Entscheidung. Denn das Rom jener Tage war ein anderes als Jahrzehnte zuvor. Angelo Giuseppe Roncalli war nach dem Tod Papst Pius XII. am 28. Oktober 1958 zum Bischof von Rom gewählt worden und er wollte seiner Kirche „auf die Sprünge helfen“. 1959 kündigte er die Einberufung eines Konzils an, mit dem die Kirche auf die Höhe der Zeit gebracht werden sollte: „Aggiornamento“, „Verheutigung“, lautete die Parole. Und Helmut Krätzl war bei der ersten Session des Konzils dabei, als Stenograf. Damals wurde der Konzilsstenograf Krätzl auch mit dem Konzilstheologen Joseph Ratzinger bekannt – und die beiden Männer wohnten unter einem Dach, sie sollten sich Jahrzehnte später wieder begegnen.

 

 

Das Konzil als Lebensprogramm

 

Das Konzil und der damals gewagte Aufbruch der Kirche wurden zum Lebensprogramm Krätzls, wenn auch nicht immer zum eigenen Vorteil, wie sich zeigen sollte.

Aus Rom zurück, wurde Krätzl Pfarrer in Laa an der Thaya. Dort weilte im 15. Jahrhundert Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II. Er soll Laa mit Venedig verglichen haben: Wie Venedig in den Fluten den Meeres versinke, versinke Laa in den Fluten des Drecks – oder so ähnlich. Nach seiner Zeit als Kaplan in Baden konnte Krätzl in Laa nicht nur reiche pastorale Erfahrungen sammeln (wie sehr würde man wünschen, dass jeder Bischof zuvor einmal Pfarrer war!), sondern auch die durch das Konzil beschlossenen Reformen umsetzen.

1969 dann der Wechsel ins Erzbischöfliche Ordinariat. Kanzleidirektor, Generalvikar – Positionen, in denen Konflikte unausweichlich sind. Ein Weggefährte jener Jahre sieht heute den Krätzl jener Jahre als „verstörten Reformer“: Einerseits den durch das Konzil angestoßenen Reformen verpflichtet, anderseits als „Bremser“ bei möglichen überschießenden Reformvorstellungen gefordert, etwa in der Frage der Gemeindeleitung durch Laien und mit bestimmten Reformvorstellungen beim Seminar für kirchliche Berufe.

 

1977 wurde Krätzl, zugleich mit Florian Kuntner, zum Weihbischof ernannt. Er galt als logischer Nachfolger von Franz König als Wiener Erzbischof, aber es sollte anders kommen. Johannes Paul II. verfolgte ein beinhartes Programm der Rekatholisierung Europas und ernannte extrem konservative Priester zu Bischöfen, nicht nur in Österreich. Der Schaden, der dadurch der Kirche entstanden ist, ist gar nicht groß genug einzuschätzen. Im Fall Österreichs spielten auch konservative Politiker mit Beziehungen in den Vatikan eine Rolle, die dafür eintraten, dass Wien nach dem „liberalen“ König wieder einen „katholischen“ Erzbischof bekommen sollte. Das Ergebnis dieser vatikanisch-österreichischen Küngelei war Hans Hermann Groer, die Folgen sind erstens bekannt und zweitens bis heute nicht bewältigt.

 

Krätzl aber machte weiter, er fand und ging seinen Weg, und wie er das tat, erwies sich als Segen für unsere Kirche. Ob als Firmbischof, als Visitator, als Erwachsenenbildner oder als Autor vieler beachtlicher Bücher – Helmut Krätzl wäre vielleicht nicht „der Krätzl“ geworden, als der er heute geschätzt wird, wenn er Erzbischof von Wien geworden wäre.

Ja, die Bücher! 1998 erschien im Verlag St. Gabriel sein wohl bekanntestes Werk, „Im Sprung gehemmt“. Der Untertitel macht die Tendenz deutlich: „Was mir nach dem Konzil noch alles fehlt“. In Rom und speziell in der Glaubenskongregation hatte man Bedenken. Krätzl, immerhin ein Bischof, wurde vorgeladen, und es kam zu einem Wiedersehen und zu einem Gespräch mit Ratzinger, dem Chef der Glaubenskongregation. Das Ergebnis: Von dem Buch „Im Sprung gehemmt“ sollte keine weitere Auflage erscheinen. Seither halte ich mein persönliches Exemplar, mit einer handschriftlichen Widmung Helmut Krätzls, für besonders wertvoll, es ist mir geradezu heilig.

 

Beim feierlichen Gottesdienst zu seinem 90. Geburtstag im Stephansdom dankte Kardinal Schönborn Helmut Krätzl „für Dienst, Zeugnis, Treue und Mut“ und tatsächlich beschreiben diese Worte Krätzls Wirken. Die Kraft dafür bezog der Mensch, Priester und Bischof, und daran erinnerte P. Elmar Mitterstieler in seiner Festpredigt, aus der Eucharistie. Sie ist für Krätzl der Mittelpunkt seines Lebens; sie muss auch die Mitte der Kirche und des Glaubens sein.

„Ad multos annos“, auf noch viele Jahre, lautet ein üblicher Wunsch zum Geburtstag. Wie viele Jahre es für Helmut Krätzl noch sein werden – mögen es auf jeden Fall Jahre in der Geborgenheit Gottes sein, gemäß dem täglichen Abendgebet von Bischof Helmut: „Herr, auf dich vertraue ich! In deine Hände lege ich mein Leben.“ Diese letzte Geborgenheit ist es auch, bei aller körperlichen Gebrechlichkeit, die den 90jährigen geistig „im Sprung ungehemmt“ sein lässt.

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